MAGAZIN: was Händler jetzt wissen müssen

Der EU Digital Product Passport kommt

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Digital Product Passport (DPP) wird ab 2027 schrittweise für verschiedene Produktkategorien Pflicht. Batterien zuerst, Textilien voraussichtlich 2028
  • Ohne DPP kein Marktzugang in der EU, unabhängig davon, wo das Produkt hergestellt wurde
  • Laut Forterro Industriebarometer 2025 kennen nur etwa die Hälfte der befragten Unternehmen die Anforderungen im Detail
  • Die größte Hürde: Produktdaten aus der Lieferkette zusammentragen, die heute oft nicht strukturiert vorliegen
  • Wer ein modernes PIM-System betreibt, hat eine solide Basis. Wer noch mit Excel arbeitet, hat Nachholbedarf
Digitaler Produktpass

Reden wir über Bürokratie, die sich nicht aussitzen lässt

Es gibt Regulierungen, die kommen und gehen. Und es gibt welche, die bleiben. Der Digital Product Passport gehört zur zweiten Kategorie.

Die ESPR-Verordnung (EU) 2024/1781 ist seit Juli 2024 in Kraft. Sie schreibt vor, dass künftig fast alle physischen Produkte im EU-Markt einen digitalen Datensatz mitbringen müssen. Eine Art Biografie, die das Produkt von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung begleitet.

Das klingt abstrakt. Ist es auch. Bis der Tag kommt, an dem dein Lieferant sagt: „Welche Daten braucht ihr nochmal?“

Was ist der DPP und was nicht?

Der DPP ist kein Nachhaltigkeitslabel zum Angeben. Er ist ein verbindliches Regulierungsinstrument. Ein digitaler Datensatz pro Produkt mit:

  • Eindeutige Kennung
    Wie eine Personalausweisnummer fürs Produkt
  • Materialzusammensetzung
    Was steckt drin, woher kommt es
  • Umweltentwicklung
    CO2-Fußabdruck, Ressourcenverbrauch
  • Reparierbarkeit
    Wie lange hält es, kann man es reparieren
  • Recyclingfähigkeit
    Was passiert am Lebensende

Die Daten werden per QR-Code oder NFC-Tag am Produkt zugänglich gemacht. Der technische Standard dahinter: GS1 Digital Link.

Ein Detail, das gerne übersehen wird: Die Daten müssen über die gesamte Produktlebensdauer plus zehn Jahre verfügbar bleiben. Bei Möbeln kann das bedeuten: Jahrzehnte.

Der Zeitplan

Wichtiger Hinweis

Die konkreten Fristen werden durch delegierte Rechtsakte festgelegt. Die folgenden Angaben entsprechen dem aktuellen Stand (Januar 2026). Verschiebungen sind möglich.

Was feststeht

  • Batterien (über 2 kWh): Februar 2027

Was erwartet wird

  • Textilien und Bekleidung: Delegierter Rechtsakt wird 2026/2027 erwartet, Pflicht dann voraussichtlich ab Mitte 2028
  • Eisen, Stahl, Aluminium, Reifen, Möbel: Ähnlicher Zeitraum
  • Elektronik, Spielzeug: 2029-2030

Was oft falsch verstanden wird

Es gibt keine Ausnahmen für kleine und mittlere Unternehmen. Der DPP gilt für alle Marktteilnehmer, die auf dem EU-Markt verkaufen. Egal ob Konzern oder Fünf-Personen-Betrieb.

Wie gut sind Unternehmen vorbereitet?

Kurze Antwort: Durchwachsen.

Forterro Industriebarometer 2025

Die Befragung deutscher Industrieunternehmen zeigt:

  • 42% wissen, was der DPP umfasst
  • 49% verstehen die konkreten Anforderungen
  • ~50% fühlen sich auf die Umsetzung vorbereitet

Institut der deutschen Wirtschaft

Die IW-Erhebung (Quelle: IW Köln, 2025) zeichnet ein ähnliches Bild. Die dort genannten Zahlen, etwa dass nur ein kleiner einstelliger Prozentsatz bereits konkrete Maßnahmen ergriffen hat, decken sich mit dem, was wir in Gesprächen hören.

Unsere Einschätzung

Die Hälfte der betroffenen Unternehmen hat das Thema auf dem Schirm. Die andere Hälfte noch nicht. Das ist keine Katastrophe, aber auch kein Grund zur Entspannung.

Das eigentliche Problem: Die Daten

Die Technik ist lösbar. QR-Codes generieren, PIM-System anbinden. Das bekommen die meisten hin.

Die Herausforderung liegt woanders: Die Daten existieren oft nicht. Oder sie liegen irgendwo in der Lieferkette, bei Zulieferern, die selbst nicht wissen, was auf sie zukommt.

Ein Beispiel aus der Textilbranche: Um den CO2-Fußabdruck eines T-Shirts zu berechnen, brauchst du Daten vom Baumwollanbau, von der Spinnerei, von der Färberei, vom Konfektionsbetrieb. Hast du die? Hat dein Lieferant die?

Die ehrliche Antwort bei den meisten: Nein.

Was das für euere IT bedeutet

Für einen funktionierenden DPP braucht ihr:

  1. Ein PIM-System als zentrale Drehscheibe
    Hier laufen alle Produktdaten zusammen. Wer bereits ein modernes PIM betreibt, hat eine solide Basis.
  2. Anbindung ans ERP
    Stammdaten und Lieferanteninformationen müssen sauber ins PIM fließen.
  3. Schnittstelle zum EU-Register (PIM, ERP)
    Das zentrale Register wird voraussichtlich 2026 online gehen. Eine technische Anbindung wird nötig.

Unsere Beobachtung

Viele mittelständische Händler arbeiten noch mit fragmentierten Systemen – Excel hier, ERP dort, Produktdaten in drei verschiedenen Tools. Das funktioniert für den DPP nicht.

Was es kostet

Die Forterro-Studie nennt 21.500 bis 43.000 Euro als durchschnittliche Implementierungskosten für mittelständische Unternehmen. Die Spanne ist groß, weil sie von der Ausgangslage abhängt.

Wesentliche Kostentreiber

  • Bestandsaufnahme
    Wo stehen wir, was fehlt?
  • IT-Anpassungen
    PIM erweitern, Schnittstellen bauen
  • Lieferanten einbinden
    Der aufwändigste Teil
  • Laufende Pflege
    Datenpflege, Schulungen

Zur Einordnung: 30.000 Euro klingen nach viel. Der Verlust des EU-Marktzugangs ist teurer.

Unbequeme Fragen

Ist der DPP wirklich für alle Produktkategorien fix?

Nein. Nur für Batterien steht der Termin fest. Für andere Kategorien werden die delegierten Rechtsakte noch erarbeitet. Verschiebungen sind möglich, aber darauf wetten sollte niemand.

Können kleine Händler das überhaupt stemmen?

Die Verordnung macht keine Ausnahmen nach Unternehmensgröße. Für kleine Händler mit Eigenmarken wird es herausfordernd. Wer nur Handelsware verkauft, ist auf die Vorarbeit der Hersteller angewiesen.

Was passiert, wenn ich nicht compliant bin?

Dann darfst du das Produkt nicht im EU-Markt verkaufen. So einfach, so unbequem.

Weiß jemand wirklich, wie das EU-Register funktionieren wird?

Die Details werden noch erarbeitet. Das CIRPASS-Forschungsprojekt arbeitet an Standards, aber vieles ist noch in Bewegung.

Was ihr jetzt tun könnt

  1. Betroffenheit klären
    Welche eurer Produktkategorien fallen unter die Pflicht? Erstellt eine Liste mit realistischen Zeitfenstern.
  2. Dateninventur machen
    Welche der geforderten Daten habt ihr schon? In welchen Systemen? Was fehlt komplett?
  3. Lieferketten durchleuchten
    Können eure Lieferanten die Daten liefern? Fangt früh an zu fragen – viele Lieferanten haben das Thema noch nicht auf dem Schirm.
  4. IT-Landschaft prüfen
    Habt ihr ein PIM? Ist es erweiterbar? Wie gut ist die ERP-Integration?
  5. Pilotprojekt starten
    Nehmt eine überschaubare Produktgruppe und setzt den DPP komplett um. Lernt aus den Erfahrungen.

Wo Tudock ins Spiel kommt

Wir bei Tudock beschäftigen uns täglich mit Produktdaten: in PIM-Projekten, bei Shop-Migrationen, in der Anbindung von ERP-Systemen. Die Herausforderung, fragmentierte Daten zusammenzuführen und strukturiert bereitzustellen, kennen wir gut.

Wenn ihr euch fragt, ob eure Systemlandschaft für den DPP gerüstet ist: Lasst uns reden. Nicht um euch etwas zu verkaufen, sondern um gemeinsam einzuschätzen, wo ihr steht.

Fazit

Der Digital Product Passport kommt. Nicht vielleicht, nicht irgendwann. Er ist beschlossen und wird umgesetzt. Für Batterien ab 2027, für Textilien voraussichtlich ab 2028.

Die meisten Unternehmen haben Nachholbedarf. Das ist kein Drama, aber es ist ein Handlungsauftrag. Wer jetzt anfängt, hat Zeit für saubere Lösungen. Wer wartet, wird improvisieren müssen.

Der DPP bedeutet Aufwand. Er bietet aber auch Chancen: Vertrauen bei Kunden, die Transparenz schätzen. Grundlagen für Kreislaufwirtschaft und Reparaturservices. Und ja, auch ein paar aufgeräumte Produktdaten, die ohnehin überfällig waren.

Michael Wolf
Michael WolfGeschäftsführer
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